Privatbrauerei Gießen GmbHGießenDEU

Die Privatbrauerei Gießen GmbH ist aus dem Gießener Brauhaus hervorgegangen – und man versucht, sich neu zu positionieren. Das Produktportfolio wird Schritt für Schritt überarbeitet, man öffnet sich vorsichtig neuen Bierstilen, ändert das Logo und den Markenauftritt.

Am 31. August 2013 hatte ich im Rahmen eines Hausbrauertreffens die Gelegenheit, die Brauerei zu besichtigen. Der Geschäftsführer der Privatbrauerei Gießen GmbH, Achim Franzen, nahm sich die Zeit, uns an einem Sonnabendnachmittag in über drei Stunden bis in den letzten Winkel der Brauerei zu führen, alle unsere Fragen zu beantworten und zum Abschluss noch einige seiner Produkte zu verkosten.

MiniaturDie Brauerei ist und bleibt eine Industriebrauerei – als solche ist sie konstruiert worden. Und somit wird der Bier-Aficionado sicherlich keine sehr exotischen Bierstile finden, die nur in kleinem Kreise goutiert werden und für die somit die gewaltigen Sude, die hier in Gießen gebraut werden, ein viel zu großes wirtschaftliches Risiko darstellen würden. Aber trotzdem: Man ist offen. Neben den klassischen Sorten und dem Lohnbraugeschäft braut man nun ein Weißbier, ein Porter und ein Whisky-Lager und versucht so, den Markt neu zu erobern.

Die Brauerei selbst ist dominiert von dem 45 m hohen Turm in der Mitte des Geländes, und alle weiteren Anlagen und Installationen sind im Kreis um diesen Turm herum angeordnet. Im Sudhaus stehen alte, kupferverkleidete Kessel, die nur noch improvisiert als Warmwasser-Zwischenspeicher genutzt werden, neben modernen Edelstahlkesseln. Die ganze Brauerei macht einen gut organisierten Eindruck. Man sieht zwar, dass das Geld knapp ist, aber es wird nicht geschlampt, man wirtschaftet nichts bewusst herunter, man lässt nichts vergammeln. Im Gegenteil: Man bemüht sich, wieder solide auf die Beine zu kommen.

Krönender Abschluss der Führung durch die Brauerei war eine Fahrt ins oberste Stockwerk des Turms, von wo aus die Gäste der Brauerei einen beeindruckenden Blick über die Brauerei und über die Hügel, Wälder und Wiesen rundherum haben. Hier befindet sich auch ein Ausschankraum, in den uns Herr Franzen spontan zur Bierverkostung einlud. Spontan? Ja, wirklich spontan. Mit einer verlegenen Handbewegung wischte er die Staubschicht vom Tresen und erklärte: Eigentlich sei nur ein Rundgang geplant gewesen, aber bei so großem Interesse würde er das Programm gerne ändern. Wir stellten uns ein paar Stühle an den Tresen und genossen bei fachkundigen Erläuterungen das Weizen, das Export, das Whisky Lager und ein naturtrübes Obergäriges, das nicht Kölsch heißen darf.

Nachtrag 5. Dezember 2014: Wie die Oberhessische Presse in ihrer heutigen Ausgabe meldete, musste nun leider auch die Privatbrauerei Gießen GmbH als Nachfolgerin des Gießener Brauhauses Insolvenz anmelden:

„Am 28. November hat – wie vor drei Jahren das Gießener Brauhaus – nun auch das Nachfolgeunternehmen, die Privatbrauerei Gießen GmbH, Insolvenz anmelden müssen. (…)Ziel aller Bemühungen wird (…) sein, den Betrieb des in seiner Gesamtheit sehr traditionsreichen Unternehmens ‚in irgendeiner Form‘ und als längerfristige Lösung sicherzustellen. Dazu sind ‚neue Investoren mit Bereitschaft zum Engagement oder alte Gesellschafter mit neuen Ideen oder jemand gänzlich anderer‘ notwendig.“

Schade! Es bleibt, wie so oft, die Hoffnung, dass dies erstens rechtzeitig geschehen ist, um wirklich noch etwas retten zu können, und dass sich zweitens ein Investor findet, der die Brauerei am Leben hält.

Nachtrag 28. Februar 2015: Die Hoffnung war vergebens. Auch ein erfahrener Insolvenzverwalter hat die Privatbrauerei Gießen nicht mehr retten können, und heute wurde mehr oder weniger offiziell das endgültige Ende der Brauerei verkündet.

Bilder

Privatbrauerei Gießen GmbH
Teichweg 8
35 396 Gießen
Hessen
Deutschland

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