Destillerie und Brauhaus WeltenbummlerKurort BerggießhübelDEU

Wenn man am gefühlten Ende der Welt wohnt, bleibt einem vermutlich gar nichts anderes übrig, als zum Weltenbummler zu werden und die Abgeschiedenheit der Heimat mit Reisen in exotische Länder zu kompensieren.

Berggießhübel ist so ein gefühltes Ende der Welt, und auch wenn es sich selbst als Kurort bezeichnet und dies auch in den offiziellen Ortsnamen aufgenommen hat, so war ich offensichtlich bisher gesundheitlich noch nicht angeschlagen genug, um von dieser Kurstätte überhaupt schon einmal gehört zu haben. Und so war es denn auch nur der Zufall eines eher etwas lustlosen abendlichen Internet-Surfens, eines Klickens mal hierhin, mal dorthin, der plötzlich das Stichwort Brauhaus und den Ortsnamen Berggießhübel in Zusammenhang brachte.

Berggießhübel also.

Kleine und kleinste Sträßchen führen mich durch den Norden der Tschechischen Republik, und nach gefühlten Stunden finde ich mich im Stau der Schnäppchenjäger in Petrovice wieder. Billiger Alkohol, billige Zigaretten, preiswerte Handarbeiten und Dienstleistungen. Das kleine Örtchen ist völlig überfüllt. Mit ihren überdimensionierten SUVs überforderte sächsische Provinzler verkeilen sich fluchend in den Zufahrten der kleinen Märkte, blockieren die Ortsdurchfahrt, drohen mit Fäusten und hupen. Hätte ich nicht ein anderes Ziel, ich könnte stundenlang amüsiert zusehen, wie Blutdruck und Puls in die Höhe getrieben werden, vorzeitiges Ableben durch Herzinfarkt riskiert wird und aus biederen Familienvätern wütende Furien werden. Und alles nur, um ein paar Cent am Schnaps zu sparen. Göttlich!

Ich bin trotzdem froh, endlich durch dieses Chaos hindurch zu sein und schließlich in Berggießhübel anzukommen.

MiniaturEin unauffälliges, aber sehr gepflegtes Sandsteinhaus, rund dreihundert Jahre alt, beherbergt seit 1999 das Gasthaus Weltenbummler, das seit 2003 auch über eine eigene Brauerei verfügt. Eine winzige Brauerei nur, mit gerade einmal 50 l Ausschlagmenge, aber immerhin.

Es ist Sonntagmittag, und als ich den gemütlichen Gastraum betrete, ist er voll. Also nicht voll im geselligen, fränkischen Sinne, sondern voll im gutbürgerlich-distanzierten Sinne. Wenn an einem großen Vierertisch ein Pärchen sitzt, dann ist der Tisch voll. Punkt. Beziehungsweise: Ausrufezeichen! Und der einsame Gast, ich also, der nach einem freien Plätzchen schielt, wird misstrauisch beäugt, ob er denn die Frechheit besitzen wird, sich dazu setzen zu wollen.

Fast möchte ich schon wieder gehen, als der Eigentümer und Brauer, Armand Thiele, ein Einsehen hat und mich ausnahmsweise am Stammtisch platziert. Ein guter Platz, denn hier kann ich eine Reihe von Zeitungsartikeln studieren, die von den Fernreisen Thieles mit seiner Ehefrau nach Afrika und Asien berichten, von den Fernreisen, die Thiele und seiner Gastwirtschaft den Namen Weltenbummler gegeben haben. Teilweise viele, viele Wochen lang ist er unterwegs, und nicht nur in den Zeitungsartikeln an der Wand hinter mir, sondern auch auf der Internet-Seite des Brauhauses finden sich die interessanten Reiseberichte.

In der rustikal-gemütlichen Gaststube sind Afrika und Asien aber weit weg; die Atmosphäre ist regional, bürgerlich, recht konservativ, und lediglich der bunte Ara, der in seiner Voliere in der Mitte des Schankraums sitzt, sorgt mit seinem furchterregenden Schrei, der an das Zerschlagen von einem Stapel Porzellantellern erinnert und zartbesaiteten Gemütern arg zusetzt, von Zeit zu Zeit für etwas Abwechslung.

Zwei eigene Sorten Bier gibt es heute, am 18. Oktober 2015, im Ausschank – ein Schwarzbier und ein Pils. Letzteres schmeckt recht mild und weich, fast schon ein wenig süßlich, als Aperitif hätte ich es mir ein wenig herber gewünscht. Das malzige und vollmundige Schwarzbier hingegen ist anschließend ein guter Begleiter zur Jägerpfanne, zu den kräftig gewürzten Schnitzeln mit Pilzen, Bohnen und Bratkartoffeln. Ordentliche Hausmannskost, lecker, und eine gute Kombination.

Die Getränkekarte verspricht gelegentlich auch andere Biersorten, Spezialbiere, aber heute habe ich diesbezüglich Pech. Ich könnte, wenn ich denn wollen würde, noch kommerzielle Biere probieren, Braustolz, beispielsweise, aber ich will nicht. Finde aber Gefallen an den Bierdeckeln. Sie sind auf altmodisch gemacht, und zwar sowohl von der graphischen Anmutung, als auch von der Wortwahl. „Wir empfehlen Ihnen unsere beliebten Markenbiere! Erhältlich in dieser Gastwirtschaft oder Ihrem Flaschenbier führenden Geschäft.“ heißt es auf dem Bierdeckel, und für einen Moment zögere ich und überlege, ob es wirklich ein bewusst auf Retro gemachter Bierdeckel ist, oder ob hier, in der sächsischen Provinz, direkt an der tschechischen Grenze, nicht doch die Zeit stehen geblieben ist…

Das Brauhaus Weltenbummler ist dienstags bis freitags von 11:30 bis 13:30 Uhr und von 17:00 bis 22:00 Uhr geöffnet; sonnabends und sonntags ab 11:30 Uhr ohne Angabe eines Endes. Montags ist Ruhetag. Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist sicherlich möglich, vermutlich aber beliebig zeitaufwändig und umständlich. Man kann aber direkt am Haus parken und somit problemlos mit dem Auto kommen.

Bilder

Destillerie und Brauhaus Weltenbummler
Sebastian Kneipp Straße 6
01 819 Kurort Berggießhübel
Sachsen
Deutschland

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