Paulaner Bräuhaus SingaporeSun TecSGP

Ach, ob man hier wirklich gezielt einkehren muss? Ich weiß ja nicht. Ich glaube, eigentlich nicht.

Und dennoch, wie von einer magischen Hand gelenkt, wenden sich meine Schritte in Richtung auf das westliche Ende des Millenia Walks. Gerade eben noch haben wir den gewaltigen Brunnen im Sun Tec Einkaufszentrum mit seiner angeblich dreißig Meter hohen Fontäne bewundert, und jetzt kommt Durst auf. Nicht, dass es hier, im Sun Tec Centre, an Restaurants und Bars mangeln würde, ganz im Gegenteil – man könnte Wochen, Monate gar, hier verbringen und jeden Tag woanders essen oder trinken.

Aber ganz automatisch ziehe ich, wenn ich Durst verspüre, das Telefon aus der Tasche und frage Cortana. Wo ist die nächste Brauerei? Wie immer ist sie zunächst etwas begriffsstutzig, und wie immer spuckt sie nach ein paar erläuternden Hinweisen eine Adresse aus. #01-01 Millennia Walk. Erster Stock, also nach singapurischer Zählung das Erdgeschoss, erste Lokalität. Jetzt müssen wir nur nur schauen, in welcher Richtung der Millenia Walk durchnummeriert ist. Von West nach Ost, also auf, in Richtung Westen.

MiniaturDraußen der allnachmittägliche Wolkenbruch, für ein paar Minuten scheint die Welt unterzugehen. Wir gehen trockenen Fußes durch das Labyrinth der Über- und Unterführungen und stehen nach ein paar Minuten vor dem Paulaner Bräuhaus. Wir hören schon von weitem, dass wir hier richtig sind: Im nur schwach besetzten Bräuhaus sitzt eine international bunt gemischte Gruppe, vermutlich Konferenzteilnehmer oder andere Geschäftsleute. Alle Nationalitäten, alle Hautfarben sind vertreten, und inmitten der Gruppe ein Mannsbild österreichischer oder bayerischer Herkunft, der mit einem lautstarken und nicht enden wollenden Jodler den anderen mitteleuropäische Alpenkultur nahebringen und live vorführen möchte.

Irritierte Gesichter in der Gruppe. Nur der Amerikaner scheint begeistert. Und der Jodler selbst, natürlich. Keiner der Asiaten verzieht auch nur eine Miene. Ein, wie es scheint, Engländer verdreht die Augen, ein Afrikaner kratzt sich nachdenklich am Kopf, zwei südamerikanisch wirkende Herren beeilen sich, ein frisches Bier zu bestellen. Meine Frau hält sich die Ohren zu.

Wir steuern einen Platz am entgegengesetzten Ende des überraschend kleinen Schankraums an. Wir hätten eher eine gewaltige, bayerische Bierhalle erwartet, stattdessen finden wir einen Schankraum, der „normale Gastwirtschaftsgröße“ hat.

Von allen Plätzen aus hat man einen hervorragenden Blick auf die etwas weihnachtlich geschmückten, kupferglänzenden Sudkessel, die den Raum dominieren.

Wir sind gespannt auf die Bierauswahl, schlagen die Getränkekarte auf, und…

… nein, es darf nicht wahr sein, da ist sie wieder: Die deutsche Einheitsbiertrilogie. Hell, Dunkel, Weizen. Ich muss noch einmal nachlesen. Vielleicht steht das irgendwo in den nur selten zitierten weiteren Absätzen und Paragraphen des (R)Einheitsgebots vom 23. April 1516, dass man nicht nur keine anderen Zutaten als Gerste, Hopfen und Wasser verwenden darf, sondern sich auch auf die klassischen drei Braugasthaus-Stile beschränken muss?

Wir bestellen uns ein Dunkles und ein Helles. Das Dunkle ist kräftig malzig, aber irgendwie fehlt der Pfiff. Ein wenig behäbig trinkt es sich, macht nicht wirklich Lust auf mehr. Wir überlegen, was es sein könnte. Der Nachgeschmack, der ein wenig an Farbmalz, an Sinamar erinnert? Schwierig. Aber glücklich sind wir nicht.

Es bleibt die Hoffnung auf das Helle, die aber blitzschnell, bereits nach dem ersten Schluck zerstiebt. Dumpf, muffig, irgendwie alt wirkend. Nicht zum ersten Mal hier in Singapur, dass wir diesem dumpfen Geschmack begegnen, der an altes, überlagertes Bier erinnert. Sind es die tropischen, heiß-feuchten Bedingungen, die dem Malz schon während der Lagerung zusetzen? Liegt es am Wasser? Wir wissen es nicht, sind aber gleichwohl enttäuscht.

Die Einrichtung und Atmosphäre im Bräuhaus sind über jeden Zweifel erhaben – so muss ein deutsches Bräuhaus im Ausland aussehen. Hier haben die Innendesigner ganze Arbeit geleistet, um der Erwartungshaltung der internationalen Gäste gerecht zu werden. Aber wir haben unsere Zweifel, ob das Bier, so wie es hier und heute ausgeschenkt wird, seiner Rolle als Botschafter der bayerischen Gastfreundschaft, Gemütlichkeit und des ach so gerühmten Reinheitsgebots gerecht wird, oder ob es doch eher den Beweis antreten möchte, dass es auch innerhalb des vom Reinheitsgebot gesteckten Rahmens möglich ist, enttäuschende Biere zu brauen.

Schade.

Und um somit auf die Eingangsfrage zurück zu kommen: Hier kann man einkehren, muss es aber nicht.

Das Paulaner Bräuhaus Singapore ist täglich ab 12:00 Uhr mittags durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Von der Haltestelle Promenade der U-Bahn-Linie Circle Line sind es nur wenige Meter durch das Einkaufszentrum und den Millenia Walk bis zum Schankraum.

Bilder

Paulaner Bräuhaus Singapore
9 Raffles Boulevard
#01-01 Millenia Walk
039596 Singapore
Singapore

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