Cretan BreweryΚρητική ΖυθοποιίαZounakiGRC

Beruflich für eine Woche nach Kreta – gedanklich schreibe ich das Thema Bier ab und sehe mich schon auf einer unabsichtlichen Ausnüchterungstour bei Mineralwasser und Fruchtsäften durch die Altstadtgassen Chanias spazieren.

„Wo bist Du? In Chania? Lass‘ das mit dem Mineralwasser und Fruchtsaft unbedingt sein!“, heißt es dann aber seitens eines Brauers meines Vertrauens, „Stattdessen musst Du unbedingt meinen alten Freund Ioannis Lionakis besuchen, wir haben zusammen seine Brauerei eingerichtet und in Betrieb genommen, und die steht jetzt ein paar Kilometer von Chania entfernt in einem kleinen Dörfchen, Zounaki. Die Brauerei kannst Du nicht verfehlen, sie steht zwischen Orangen- und Zitronenhainen!“

Und: „Sein Charma-Bier ist klasse. Grüß ihn unbedingt von mir!“

Na, da sind die Aussichten doch gleich schon ganz andere, und nur drei Tage später fahre ich gemütlich aus Chania heraus und mache mich auf die Suche nach der Κρητική Ζυθοποιία, der Kretischen Brauerei. Das Dörfchen Zounaki ist schnell gefunden, aber der hilfreiche Tipp mit den Orangen- und Zitronenhainen erweist sich nicht wirklich als trennscharf. Das ganze Tal ist voller Orangen- und Zitronenbäume, und jedes einzelne Haus steht von diesen Bäumen umringt. Zum Glück ist Zounaki nicht sehr groß, und die drei Sträßchen sind dann doch recht schnell abgefahren, die Brauerei gefunden.

Ein beeindruckend großes Gebäude, nein, eigentlich eher noch eine Baustelle. Durch ein großes Panoramafenster sehe ich in eine gewaltige Halle hinein, die ich hier, in diesem winzigen Dörfchen bestimmt nicht vermutet hätte. Links von mir wird fleißig gewerkelt, gemauert, gestrichen, verputzt, aber in der Halle selbst scheint alles schon fertig und in Betrieb zu sein; stählern glänzende Gär- und Lagertanks und ganz am Ende ein großes Sudwerk kann ich erkennen.

Miniatur (1)Eine freundliche alte Dame gesellt sich zu uns, drückt mir und meiner Frau ein Blümchen in die Hand und fragt uns etwas auf Griechisch. Vermutlich, was wir hier wollen. „Wir sind mit Ioannis verabredet“, erzählen wir, und sie nimmt uns bei der Hand, zieht uns mit, und nur wenige Augenblicke später stehen wir bei Ioannis mitten in der Brauerei; wie sich herausstellt, ist die nette alte Dame seine Mutter.

„Tom hat Euch hergeschickt? Danke für die Grüße!“, empfängt Ioannis uns gut gelaunt. „Er hat mir damals mit der Brauerei geholfen, aber wenn er wüsste, wie es mittlerweile hier aussieht!“ Er zeigt uns das alte 5-hl-Sudwerk von „damals“, gerade einmal sieben Jahre ist es her. „So haben wir angefangen. Ein kleines Sudwerk, und die dazu passenden, recht kleinen Gär- und Lagertanks stehen hier im Kühlraum, bei den KEGs. Schaut her!“ Und er öffnet die große Schiebetür. Kondensierender Wasserdampf treibt uns entgegen, aber hinter den Wolken sehen wir die Tanks und KEGs.

Aber das alte Sudwerk habe sich schon recht bald als zu klein erwiesen, das Χάρμα, also das Charma-Bier würde Einheimischen wie Touristen so gut munden, dass auf dem alten Sudwerk fast schon rund um die Uhr gebraut werden musste, und die Lagertanks waren auch viel zu wenig und zu klein, heißt es. Und so entschied sich Ioannis – wozu ist man schließlich studierter Ingenieur? – auf Basis seiner Erfahrungen ein eigenes Sudwerk zu planen und zu konstruieren und von einer chinesischen Firma seinen Wünschen entsprechen herstellen zu lassen.

Miniatur (1)Stolz führt er uns in die große Halle, in die wir von außen durch das Fenster ja schon einen schnellen Blick geworfen hatten. „Zwanzig Hektoliter hat das neue Sudwerk, vier Geräte, so dass man mehrere Sude auch überlappend fahren kann. Und um einen der neuen glykolgekühlten großen Gär- und Lagertanks dann mit mehreren Suden zu füllen, brauchen wir zwei Tage“, erzählt Ioannis. „Speziell im Sommer ist die Nachfrage so groß, da kommen wir kaum hinterher.“

Ärgerlich ist nur, dass die Inbetriebnahme der brandneuen Brauerei sich ein wenig verzögert hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr schon hätten die ersten Sude hier eingebraut werden sollen, aber erst vor wenigen Wochen lief alles reibungslos an. Die Saison hatte da schon begonnen, und nun gilt es, so schnell wie möglich auf den Markt zu kommen und die durstigen Touristen zu versorgen. Aber Ioannis ist optimistisch.

„Wir sind keine Spezialitätenbrauerei, sondern brauen in erster Linie ein ungefiltertes helles Lagerbier und ein Dunkles. Schöne Biere gegen den Durst. Und Spezialbiere machen wir nur ab und an, wenn wir Zeit haben. Dann aber auf der alten, der kleinen Anlage. Eher so für uns selber und um uns zu beweisen, dass wir es können. Aber 20 hl eines Spezialbiers, das gibt der Markt auf Kreta nicht her“, erzählt Ioannis weiter.

Staunend stehe ich zwischen den beiden Reihen der großen Tanks. Glykolgekühlt sind sie, und die Kälte wird ganz ökologisch aus dem Erdreich unter der Brauerei durch eine moderne Anlage mit Wärmetauschern erzeugt. Wenn die Halle bald ganz fertig ist, die Giebel stehen zur Zeit noch offen, dann soll eine Art Besuchertribüne installiert werden, und außen führt dann ein Weg am Gebäude entlang, so dass man von allen Seiten in die Brauerei hineinschauen kann, zusehen kann, wie das Bier entsteht.

Vorsichtig balancieren wir den Holzsteg entlang, der noch kein Geländer hat. „Und zur Straße hin entsteht dann auch noch ein kleiner Ausschank, so dass die Besucher das Bier auch vor Ort verkosten können!“

Ioannis schildert seine Pläne so plastisch, dass wir schon Scharen von Gästen vor uns sehen. Die Brauerei wird zu einem neuen Zentrum des kleinen Dörfchens werden. Fast alle Mitarbeiter stammen aus dem Dorf, jeder profitiert direkt oder indirekt von diesem Projekt. Aber es ist noch einiges zu tun, und über Langeweile kann Ioannis nicht klagen.

Miniatur (3)„Jetzt wird aber das Bier endlich auch verkostet“, heißt es nun, und wir setzen uns vor das alte Sudwerk. In einem Plastikkrug bringt Ioannis frisch gezapftes Helles direkt aus dem Lagertank. Würzig, mit einer feinen Hopfennase und blitzsauberem Geschmack. Ein sehr schönes Bier. Spürbar herb, aber nicht bitter, und nicht zu malzig, um bei den hohen Sommertemperaturen gut durchtrinkbar zu sein. Kein exotischer Bierstil, aber ein sauber gebrautes und ungemein süffiges Bier.

Auch das Dunkle bekommen wir noch – Ioannis öffnet eine Flasche, die bei den Rückstellproben steht. Rund und malzig, ein wenig süßlicher. „Ein Girls-Beer“, lacht er, „aber, wenn Ihr genau hinschmeckt, dann merkt Ihr, dass das eigentlich gar nicht stimmt. Es ist nämlich doch recht kräftig gehopft.“ Und in der Tat, als sich das Bier langsam im Glas erwärmt, kommen immer mehr Hopfennoten zum Vorschein. Select sei mit drin, aber auch Cascade, erzählt Ioannis, und die Aromen würden mit dem dunklen Malz wunderbar harmonieren. Ein Bier zum Genießen und Entspannen.

Recht hat er, und so sitzen wir noch ein Weilchen hier vor dem alten Sudwerk, ignorieren das fleißige Treiben der Brauereimitarbeiter um uns herum und genießen einfach nur das feine Χάρμα-Bier.

Irgendwann ist es dann aber doch so weit, und wir müssen uns verabschieden. Auch Ioannis hat eigentlich viel zu viel zu tun und sitzt schon zu lang mit uns beim Bier herum.

Miniatur (4)Während wir langsam aus Zounaki wieder herausrollen, sehen wir noch einmal ins Tal zurück, auf die Brauerei. Wer hätte das gedacht – ausgerechnet auf Kreta, für Olivenöl und Wein bekannt, so eine feine Brauerei zu entdecken! Spätestens, wenn in wenigen Wochen das Besucherzentrum fertig ist und die schon vorbereiteten Hinweisschilder an der Straße aufgestellt werden, wird die Κρητική Ζυθοποιία, die Kretische Brauerei, aber kein Geheimtipp mehr sein. Dann werden, so hoffe ich es für Ioannis, Scharen von durstigen Touristen kommen und für Umsatz auch direkt vor Ort sorgen, und nicht nur in den Hafenkneipen Chanias.

Die Kretische Brauerei, Κρητική Ζυθοποιία, hat derzeit noch keine festen Öffnungszeiten; eine Besichtigung ist noch nicht möglich. Ab Sommer 2016 soll das Besucherzentrum aber eröffnet werden, täglich und durchgängig, mit Ausschank und der Möglichkeit, durch Panoramascheiben den Brauprozess zu beobachten. Zu erreichen ist die Brauerei in dem kleinen Dörfchen Zounaki sinnvoll allerdings nur mit dem Auto; der Bus fährt nur dann und wann, und es ist von der Haltestelle an der Hauptstraße auch noch ein gutes Stück strammen Fußmarschs bis nach Zounaki.

Bilder

Cretan Brewery
Κρητική Ζυθοποιία
Zounaki
73002 Zounaki
Griechenland

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