Chimera BrewpubLisboaPRT

Es tut sich was in Lissabon. Zwar mit ein wenig Verspätung, dafür aber mit Macht erwacht in Portugals Hauptstadt das Interesse an gutem Bier. Und so ist es denn auch wenig verwunderlich, dass ich während meines Aufenthaltes hier per Hörensagen täglich neue Adressen bekomme – so zum Beispiel die Information, dass vor wenigen Wochen erst eine neue Kleinstbrauerei aufgemacht habe, das Chimera Brewpub.

Miniatur (1)Wenige Minuten sind es nur, die ich von der S-Bahn-Station Alcântara bis zur Rua Prior do Crato zurücklegen muss, und kurz vor dem hübschen Platz Praça da Armada sehe ich schon den kleinen Eingang: Chimera Brewpub, est 2016, steht dort. In der Tat, es hat dieses Jahr erst eröffnet.

Die beiden Torflügel sind geöffnet, und ich betrete einen kleinen Durchgang. Nett dekoriert, ein paar bequeme Sessel, ein paar Hocker, ein paar Tischchen. Aber noch ist es zu heiß, um hier draußen zu sitzen – die Sonne steht noch zu hoch. Und überhaupt: Schließlich möchte ich mir erst einmal alles genau ansehen…

Ich gehe also weiter in das eigentliche Pub hinein und bleibe im Eingang erstmal staunend stehen: Ein uralter Gewölbetunnel liegt vor mir, schmal und ewig lang, sauber aus Naturstein und Ziegeln gemauert. Einen Moment dauert es, bis sich meine Augen an die schummerige Dunkelheit gewöhnt haben, und dann sehe ich links und rechts die kleinen, gemütlichen Sitzecken und ganz hinten die Bar. Kleine Nischen in der Wand sind nett dekoriert; die Tische, Stühle und zum Teil einfach nur Polster in den Nischen, auf denen man sitzen kann, laden zum Verweilen ein.

Miniatur (3)Ein Holzgitter trennt den Thekenbereich optisch ein wenig vom großen Gastraum, und hier sehe ich sie auch schon: Die zwölf Zapfhähne. Unwillkürlich geht mein Blick nach oben auf die Wand hinter der Theke, aber Fehlanzeige. Dort, wo ich die obligatorische Kreidetafel mit dem Bierangebot erwarte, sehe ich – nichts. Beziehungsweise nichts Informatives. Ich drehe mich um, aber auch auf der gegenüberliegenden Seite keine Kreidetafel, sondern an zwölf kleinen Haken hängend ebenso viele einfache Holzbretter, sorgfältig und kunstvoll beschriftet. Brauerei, Biername, Bierstil, Alkoholgehalt. Aufwändig gemacht und sehr schön!

Raquel Nicoletti zeichnet für diesen schönen Stil verantwortlich. Sie hat ein glückliches Händchen für die Dekoration – das Chimera Brewpub ist von allen Bierbars und Brauereien, die ich bisher in Lissabon gesehen habe, das gemütlichste. Und das liegt nicht nur an dem wunderbaren alten Gewölbe, sondern an unendlich vielen, kleinen Details – eben auch der künstlerischen Aufbereitung des Bierangebots.

Und eben dieses gilt es nun zu studieren. Vier eigene Biere sind am Hahn und sechs Gastbiere, zwei Hähne sind derzeit nicht belegt. Raquels Ehemann, Adam Heller, steht an der Theke. Der Amerikaner, der schon seit vielen Jahren in Portugal lebt, erzählt mir ein wenig mehr über das Pub und die Brauerei. Der alte Tunnel hätte früher direkt bis in den Palácio das Necessidades geführt und hätte dazu gedient, die Pferde geschützt in den Palast hinein führen zu können. Leider sei der größte Teil des Tunnels mittlerweile eingestürzt und verschüttet, so dass man nur die ersten Meter für das Pub benutzen könne, erzählt er. Wie schön wäre es gewesen, hätte man auch einen unterirdischen Zugang vom Palast, oder könne wenigstens noch große Teile als kühlen Lagerraum nutzen.

Miniatur (2)„Und was war vorher in diesem Tunnel, bevor Ihr die Brauerei aufgemacht habt?“, möchte ich wissen. „Eine Afro-Disco“, mischt sich Raquel jetzt wieder ein. „Kannst Du Dir vorstellen, was für einen Höllenlärm zwanzig Riesenlautsprecher hier in diesem Gewölbe gemacht haben? Und alles ging ungefiltert in die Nachbarhäuser – die Steine haben die Vibrationen bis in die Wohn- und Schlafzimmer weitergeleitet.“ Sie lacht: „Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe hier direkt darüber gewohnt…“

„Aber jetzt, die Nutzung als Bierbar und Brewpub – die Nachbarn sind so glücklich, dass sie nur noch die Gespräche der Gäste im Innenhof hören, und ab und an mal eine klappernde Tür“, fährt sie fort.

„Und die Braukessel, wo habt Ihr die stehen?“, frage ich neugierig weiter. „Braukessel?“ Adam grinst. „Also, so richtige Braukessel habe ich nicht“, sagt er. „Ich habe ziemlich knapp mit dem Geld kalkulieren müssen, eine luxuriöse Ausstattung kann ich mir in der Anfangsphase nicht leisten, und so braue ich nicht auf einer professionellen Anlage, sondern habe vier Hobbybraugeräte vom Typ Grainfather nebeneinander stehen. Viermal 25 Liter – das gibt dann auch schon einen Hektoliter. Und das reicht für diese kleine Bar, denn ich will neben meinen eigenen Bieren ja auch immer spannende Gastbiere anbieten.“

Ich versuche, mir vorzustellen, wie Adam an vier Klein-Sudgeräten gleichzeitig hantiert. Es ist machbar, aber nebenbei etwas Anderes zu erledigen, wie Buchführung oder so, ist dann bestimmt nicht drin. Ständig verlangt eines der vier Geräte irgendwelche Aufmerksamkeit. Aber es ist natürlich schon deutlich preiswerter als eine „richtige“ Brauerei.

Jetzt bin ich aber neugierig geworden, wie denn die Biere schmecken, die auf dem Grainfather entstehen, und bestelle mir ein Bohemian Pilsener, 4,7% Alkohol. Sehr hell, leicht trüb, ein feines, dezentes Hopfenaroma, auf der Zunge dann aber untypisch süßlich, nicht so herb, wie es dem Bierstil entspräche. Aber ein leckeres und sehr süffiges Bier. Als zweites probiere ich das American Dark Lager, mit 5,3% Alkohol ein kleines bisschen stärker. Ebenfalls sehr süffig. Röstnoten nur im Ansatz, schön schlank und mit einem Hauch erfrischender Säure. Ein schönes Sommerbier.

Eine Bierverkostung macht immer Appetit, und so greife ich nach der kleinen Speisekarte. Ein gebackener Ziegenkäse mit Feigenmarmelade und geröstetem Weißbrot – eine hervorragende Begleitung zu den Bieren. Das ist genau das, wonach mir der Sinn steht. Lecker!

Zwei Gastbiere probiere ich noch – kleine Schlucke nur: Das Fresh Pale Ale von der LX Brewery, das einem Namen alle Ehre macht. Erfrischend, leicht hopfig, ebenfalls ein sehr schönes Sommerbier. Eher enttäuschend dann aber das Weizenbier von Post Scriptum. Etwas dumpf und behäbig kommt es daher, hat so gar nichts Spritziges eines Weizenbiers. Stattdessen wirkt es brotig, mit Noten von frisch angerührtem Teig. Nicht das, was ich erwartet hätte. Trinkbar, das ja, aber ganz gewiss nicht stilecht.

Ein letzter Blick in die Runde, das Lokal beginnt, sich langsam zu füllen. Raquel und Adam haben alle Hände voll zu tun. Viel Glück wünsche ich den beiden – sie haben sich viel vorgenommen, aber das Ambiente ist auch herrlich. Wer hat schon das Glück, seine Biere in einem jahrhundertealten Tunnel ausschenken zu können?

Das Chimera Brewpub ist mittwochs bis sonntags ab 17:00 Uhr durchgehend geöffnet; montags und dienstags ist Ruhetag. Neben den bis zu zwölf Bieren gibt es weiter Getränke und eine Reihe leckerer, kleiner Speisen zum Bier. Zu erreichen ist es in gut zehn Minuten vom Bahnhof Alcântara oder mit den Stadtbussen der Linien 713, 714, 727 und 773, die quasi direkt vor der Tür halten, am Praça da Armada.

Nachtrag 2. November 2016: Ein paar Monate später betrete ich das Chimera Brewpub zusammen mit meiner holden Ehefrau erneut, und sofort verzaubert uns die nette Atmosphäre wieder. Es ist natürlich mal wieder viel zu früh, und außer uns sind am Nachmittag noch keine weiteren Gäste da, aber das wird sich bald ändern.

Raquel kommt gut gelaunt an unseren Tisch, um die Bestellung aufzunehmen, und auf die Frage, was für eigene Biere es im Moment gebe, kommt die überraschende Antwort: „Leider gar keine. Wir haben im Moment Nachschubprobleme.“ Aber es gebe natürlich jede Menge anderer guter Craftbiere von befreundeten portugiesischen Brauern.

miniatur-4Und in der Tat: Wie Adam später erzählt, gab es Probleme, in der Sommerhitze immer ausreichend eigenes Bier vorzuhalten. Wenn mal ein Sud gekippt sei, und das käme ab und an schon mal vor, hätte das gleich eine Lücke in die Versorgungskette gerissen. Aber Abhilfe sei geplant. In den nächsten Tagen würde er bei einer befreundeten Brauerei, Bolina, beginnen, Gastsude einzubrauen, mit 5 hl Größe. Damit sei dann sichergestellt, dass es im Chimera Brewpub immer drei eigene Standardsorten vom Fass gebe. Und das Setup mit den vier Minibraukesseln, das würde er weiterhin benutzen, um ab und an Spezialbiere nach besonderem Rezept anzubieten. Eine Kombination aus Kontraktbrauer und Brewpub also.

Klingt nach einem Plan, und vor allem, nach einem etwas belastbareren, als der Ansatz, mit immensem Zeit- und Arbeitsaufwand immer 4 x 25 l zu brauen. Wir drücken Adam und Raquel die Daumen, und genießen noch einen gemütlichen Abend, während dem die beiden zusammen mit einer befreundeten Musikerin ein Konzert in ihrem eigenen Pub geben. Eine ganz besondere Atmosphäre – wo sonst erlebt man diese nette Improvisation, dass die Musikdarbietung immer mal wieder unterbrochen wird (werden muss…), um die Gäste zu bedienen. Liebenswert!

Bilder

Chimera Brewpub
Rua Prior do Crato 6
Alcântara
1350-261 Lisboa
Portugal

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